Campingplatz
Penacova, irgendwann am Nachmittag: Der Quadratläufer ist knapp 60
Jahre alt, hat kurzes schwarzes Haar und könnte vom Aussehen her Franzose
sein. Morgens trägt er einen seidenen Morgenmantel. Damit bekleidet
steht er Morgen für Morgen stets am selben Waschbecken im Männersäuberungssaal.
Niemand sonst steht je an diesem Waschbecken. Es scheint, als wird
des Becken für den Franzosen, der nur ein Dauercamper sein kann, freigehalten.
Ja, vielleicht wurde es extra für ihn in den Waschraum eingebaut,
exakt unter die einzige Steckdose dort. Ich habe mir ein einziges
Mal an diesem Waschbecken die Zähne geputzt und wurde bei einem Blick
in den Spiegel der nur durch die Augen des Franzosen geäußerten Anklage
gewahr, mir hier widerrechtlich fremdes Eigentum angeeignet zu haben.
Denn der Mensch hinter mir, der mit dem seidenen Morgenmantel, der
hat schon nach dem Zähne putzen in dieses Waschbecken gerotzt, als
Brasilien noch portugiesische Kolonie war. Es ist ein besonderes Waschbecken,
da es nicht nur über einen, sonder zwei Spiegel verfügt. Beide sind
im rechten Winkel zu einander angebracht, garantieren also den perfekten
Überblick und die totale Kontrolle über das Geschehen im Männerwaschraum.
Wenn der Franzose, den ich Quadratläufer nenne, an jedem Morgen über
eine halbe Stunde lang an diesem Waschbecken seine Trockenrasur zelebriert,
die darin besteht, daß er seinen Rasierer gemütlich durch die Eigentlich
seit dem Aufstehen bereits bartstoppelfreie vordere untere Hälfte
seines Kopfes schiebt, dann kann er der gesamten männlichen Belegschaft
des Zeltplatzes dank seiner beiden Spiegel beim Duschen, Zähne putzen
und Pinkeln zuschauen. Bis in den letzten toten Winkel. Der Quadratläufer
kennt jetzt die Gesichter aller männlichen Zeltplatzbewohner. Und
nun will er auch den Rest kennen lernen. Sobald er mit dem, was er
"Rasieren" nennt, fertig ist und sich in seinem Wohnmobil
umgezogen und dort auch gefrühstückt hat, wird der den ganzen Tag
lang nichts anderes tun, als die quadratartig angelegten Asphaltwege
des Campingplatzes Penacova abzuschreiten, jeden einzelnen Zentimeter
des Weges ausnutzend, dann einen rechtwinkligen Haken nach links schlagen,
denn stets läuft er entgegen des Uhrzeigersinns, und ruhigen, gemessenen
Schrittes weiter laufen. So kann er die morgens im Bad erspähten Gesichter
auch den Zelten und Campingwagen zuordnen. Vielleicht ist es ein Ritual,
um den welk gewordenen Geist frisch zu halten. Vielleicht ist es aber
auch nur ein ganz saftiger Zeltplatzlagerkoller. Und vielleicht läßt
sich diese einfache, unter Umständen ganz falsche Diagnose, auch auf
die untersetzte Frau in den 50ern anzuwenden, die den gleichen Weg
über den Zeltplatz ungezählte Male auf ihrem Klappfahrrad zurücklegt.
Im Uhrzeigersinn allerdings.