Das Land an sich

Die Portugiesen nennen ein wunderschönes Land ihr Eigen, dessen Schönheit sich dem Besucher am besten bei der Reise im Auto erschließt. Denn wer mit dem Auto durch Portugal fährt, kann die häßlichen und schmutzigen Ecken des Landes (die touristisch erschlossenen Badegebiete vor allem im Süden) durch einen kräftigen Tritt aufs Gaspedal schnell hinter sich lassen. Die sehenswerten Landstriche Portugals lassen sich mit dem Auto auch spontaner ansteuern, als wenn man mit der Bahn unterwegs ist, die in diesem Land auf einem reichlich unterentwickelten Netz rumtuckert.

Auch Portugal hat Berge. Sogar viele Berge, Berge über Berge. Kleine, langgezogene flache, staubig braun und mit Gestrüpp bewachsen. Auch spitze, kegelartige Hügel wachsen aus dem Boden, zum Beispiel bei der Stadt Porta Legra, die den beiden sie dominierenden Spitzhügeln auch ihren Namen "Fröhliche Pforte" verdankt. Auf dem Gipfel eines der beiden Berge befindet sich übrigens einer der besten Campingplätze Portugals. Und da wir uns schon mal in der Mitte Portugals aufhalten: hier, in der Bauchgegend, hat sich das Land mit einer ganzen Kette von Bergen geschmückt. Die eindrucksvollste und größte ist die Serra de Estrela. Höhenmäßig konkurriert diese geologische Mehrfachfaltung locker mit der Himmelsnähe etwa deutscher Mittelgebirge wie Harz oder Taunus. Auch was die Regenwahrscheinlichkeit und die Regentatsächlichkeit angeht, braucht die hügelige Serra keinen Vergleich mit den Erhebungen im deutschen Sprachraum zu scheuen. Stolz protzt sie auch mit dem Reichtum an Serpentinen innerhalb der sie für Autos bezwingbar machenden Straßen. Und noch kann die Serra damit protzen, vielleicht aber nicht mehr lange. Denn die unzähligen Kurven, dank derer man eine Servolenkung schätzen lernt, versucht eine Armee von Straßenbautrupps der Serra abspenstisch zu machen. Eines der wahrscheinlich größten europäischen Straßenbauprojekte macht im Jahr 2002 aus einer kleinen, stark gewundenen und schmucken Buckelpiste eine Rennstrecke fast ohne Kurven, für die mit Hilfe monstermäßig großer Straßenbaugerätschaften fast das halbe Gebirge weg gebaggert wird. Dementsprechend viel Geröll, Matsch und trübe Pfützen machen die flotte Fahrt im Kleinwagen zu einem echten Erlebnis, bei dem einem leicht die ein oder andere Radkappe abhanden kommen kann. Und immer wieder: Der sagenhafte Blick in grüne Täler voller wassergesättigter Bäume. Dazu noch, wenn die Wolken tief hängen, ein unregelmäßiges Durchtauchen durch selbige.

Auch Purtugals Großstädte halten für ihre Besucher mitunter ein reichhaltiges Angebot an Bergen und Tälern bereit. Eine besondere Vorreiterrolle spielt hierbei Lissabon, die Haupstadt des sympathischen kleinen Landes mit der großen Neuverschuldung. Steinalte Holzstraßenbahnen quietschen kraftvoll kleine Bergstraßen hinauf, um am höchsten Punkt der Stadt nur kurz zu verschaufen und schon wieder hinab ins Tal, ins Zentrum zu fahren, wo dem Gast der Stadt beim Flanieren Richtung Triumphbogen innerhalb einer halben Stunde immer wieder Haschisch angeboten wird. Ja, Sie haben richtig gelesen. Eine der am meisten gestellten Fragen in Lissabon ist nicht: "Wo bitte geht es zum Nationaltheater?" sondern: "Haschisch??". In einer halben Stunde wurde mir das Zeug ungelogen neunmal angeboten. Junge bis mitteljunge, gut gebräunte Männer sind das, die mit seifengroßen Stücken des rauch-, koch- und backbaren Halluzinogens in der Hand ganz offen an den anfangs noch unvoreingenommenen Touristen herantreten. Und haben sie einmal ihre Frage gestellt, dann genügt ihnen ein einfaches, in normaler Lautstärke gesprochenes "Nein!" nicht. Erst, wenn man sie anschreit, daß man heute keinen Bock auf Shit hat, weil man vielleicht ja aus dem Alter raus ist, wo man Abends mit Freunden Pot kifft, schleichen sie weiter, um dem nächsten Touristen zu zeigen, warum ihre Handinnenfläche so dunkel ist.